Der Stadtbauer – Teil 2

Einblicke in den Frühsommer bei Martin Kleindl

Geschlagene 10 Wochen musste ich mich gedulden, bis es endlich geklappt hat, an einem Dienstag wieder mal beim Stadtbauern Martin Kleindl vorbeizuschauen. Zweimal ging’s sich zeitlich nicht aus, und acht Mal hat das Wetter nicht mitgespielt… Somit wurde aus dem Frühlings-Update nun ein Frühsommer-Update, auch gut. Wie Martin mit den klimawandlerischen Wettergöttern umgeht und was es sonst noch so Neues gibt bei ihm habe ich für euch im Folgenden zusammengefasst.

Als ich mit etwas Verspätung (schön, dass trotz Baustellenchaos alle weiter mit dem Auto durch die Stadt dingeln…) an diesem Dienstag bei Martin ankomme, ist er bereits voll am Schepf’n. Die neuen Bewässerungsschläuche haben einen etwas kleineren Durchmesser und rutschen immer wieder von den Anschlüssen. „Da muss ich mir wohl noch was überlegen“, meint Martin, „aber an sich klappt eh alles recht gut.“ Das freut ich natürlich zu hören.

Bevor wir zu unserer Rundfahrt ansetzen können, müssen aber noch die Klingen des „Zwiebelstrunkhäckselanhängers“ mit der Flex nachgeschliffen werden. „Der heißt übrigens Zwiebelkrautschläger“, schmunzelt Martin. So, nun ist Martins Papa bereit zur Ausfahrt, um die Zwiebel- und Knoblauchpflanzen sowie das ganze Unkraut zu „trimmen“. Das erleichtert die, für diese Woche geplante Ernte enorm. Der viele Regen der letzten Wochen hat aber auch ihm und seinen Mitarbeitern recht zugesetzt. Das Unkraut wächst in exorbitanten Dimensionen, oft kann man mit dem Traktor nicht in die Felder fahren, da die Böden viel zu nass sind. „Den Klimawandel spüren wir jedes Jahr etwas mehr“, sagt er, „mal zum Positiven, mal zum Negativen.“

Durch die zwei extrem warmen Wochen im April heuer, waren die Frühlingssorten wie Radieschen, Karotten aber auch Kohlrabi und vor allem der Spargel fast zwei Wochen früher erntereif als beispielsweise letztes Jahr. Das ist zum einen natürlich erfreulich, bringt aber auch die Planung durcheinander. „Man muss sich schon dauernd genau überlegen, was geht man jetzt an, was hat noch Zeit, was ist wirklich dringend“, verrät er mir. Gerade die aufwendige Spargelernte bindet dann schon mal etliche Ressourcen, die an anderer Stelle benötigt würden. Und Martin ist im Grazer Stadtgebiet der Einzige der Spargel anbaut und wer ihn lieben gelernt hat, so wie wir, kauft auch keinen anderen mehr! Beim Spargel ist das Erntefenster zumindest nicht so klein, wie es beispielweise jetzt gerade mit den Zuckerschoten war. Da reden wir von gerade mal zwei bis drei Wochen. Die sind auch schon alle geerntet und verkauft – gut so! Derzeit ist einer der beiden Arbeiter, die Martin beschäftigt, auf Urlaub, es heißt also noch einmal mehr, die Ressourcen genauestens einzuteilen. „Irgendwie geht’s ja eh immer“, weiß Martin aus Erfahrung. Der Salat, der morgen am Lendplatz verkauft wird, ist auch schon geerntet und gewaschen.

Letzte Wochen haben wir ja schon die ersten Zucchini und Gurken am Lendplatz gekauft, was kommt denn als nächstes möchte ich gerne wissen. „Jetzt geht’s eh schon richtig los mit dem Sommergemüse“, sagt mir Martin, während wir wieder mit dem Golfcart eine Runde durch seine Äcker drehen. Hier wiederum haben sich der viele Regen und die niedrigen Temperaturen im Mai bemerkbar gemacht. Was man im April früher dran war, ist man jetzt wieder ein bissl hinten nach. „Dafür reicht’s dann wahrscheinlich wieder bis in den September hinein“, meint Martin. Darüber hatten wir ja schon letztes Jahr gesprochen, die Jahreszeiten verschieben sich. Was es im Frühjahr nasser und kälter ist, bleibt es nach dem August hinaus trockener und wärmer.

„Die Tomaten sind das Nächste was kommt, die Paprika brauchen noch ein bisschen. Und Bohnschoten hab ich ab Freitag dann auch schon im Programm“, freut sich der Stadtbauer. Und mir rinnt das Wasser im Mund zusammen. Denn was wir durch Martin schätzen und lieben gelernt haben, ist die Saisonalität der verschiedenen Sorten. Das ganze Jahr über haben wir immer eine Vorfreude auf das was kommt. Etwas, das durch Importe und Überangebot in den Supermärkten zusehends verlernt wird, wenn nicht zerstört. Denn wenn bei Martin der erste Spargel geerntet wird, dann haben viele schon genug davon, Peru und Globalisierung sei Dank. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf, dass die eine oder der andere doch noch umdenken. Und während wir uns noch auf das Sommergemüse freuen, säht Martin bereits die Karotten für den Herbst und Winter an. „Auch die Wintersalate wie Endivie und Zuckerhut sind bald an der Reihe.“ Schon spannend wie weit im Voraus geplant und vorbereitet wird.

Zurück zu den Feldern. Die Folien- bzw. Netztunnel, in denen Tomaten und Paprika angebaut sind, stehen heuer auf einem anderen Acker. Sogenannte Wechselwirtschaft, wichtig für den Nährstoffhaushalt der Böden, aber natürlich auch wieder mit einigem Arbeitsaufwand verbunden. An anderer Stelle stehen dafür jetzt 2 Hektar Mais. Die Anbauflächen werden, wo möglich, jährlich durchgetauscht, Wo letztes Jahr Gurken gewachsen sind, wachsen jetzt beispielsweise die Jungpflanzen der Süßkartoffeln. „Die muss ich heute auch noch abnetzen“, erzählt mir Martin, und ein gewisser Unmut ist dabei herauszuhören. „Die Krähen und auch die vielen Feldhasen fressen mir das sonst alles an oder gleich ganz weg.“ Es ist gerade Schonzeit für die Hasen, ansonsten könnte man die Jägerschaft zusammentrommeln. „Früher hat man immer gesagt, weil wir konventionellen Anbau betreiben, sterben die Feldhasen aus. Wegen der Spritzmittel. Das Gefühl habe ich derzeit allerdings nicht, so schlecht arbeiten wir also doch nicht!“ Drei Hasen haben wir vorhin auf unserer Runde gesehen, die scheinen sich alle sehr wohlzufühlen.

Dass Martin konventionellen Anbau betreibt, heißt übrigens nicht, dass er tagtäglich Gift auf seine Äcker spritzt. „Wir verwenden so wenig Spritzmittel wie möglich“, erläutert er mir, „aber bei Sorten, die lange stehen, muss man schon was machen.“ Ich habe vorhin ja selbst gesehen, dass auf einigen Feldern viel Unkraut steht. „Es geht immer um die richtige Balance, dort wo es dem Wachstum der Pflanzen nicht schadet, bleibt es auch stehen. Und vieles wird auch per Hand herausgearbeitet.“ Wahrscheinlich auch wieder eine Frage der Ressourcen. Und mir persönlich ist es auch wichtiger regionale Produkte zu kaufen als Bioprodukte, die eine weite Reise hinter sich haben. Hier entstehen oft falsche Bilder. Viele Menschen glauben, dass sie mit Bio-Produkten etwas für das Klima tun können. Das ist an sich zwar richtig, aber man sollte dann schon genau schauen, woher die Produkte kommen. Eine Bio-Karotte aus Südafrika macht nämlich keinen schlanken Fußabdruck, vor allem dann nicht, wenn sie noch in Plastik verpackt ist. Von den zig Hektar, die weiter südlich jedes Jahr für die großen Logistikzentren versiegelt werden, möchte ich gar nicht sprechen.

Nach Kaffee und Kuchen bedanke ich mich für den heutigen Einblick in die frühsommerlichen Äcker. Wieder habe ich einiges gelernt und viel Neues gesehen. Gute Planung und vor allem wetterbedingte Flexibilität machen also den Landwirt von heute bzw. morgen aus. Der zeitlich und wettertechnisch genau abgestimmte Einsatz der vorhandenen Ressourcen ist die große Kunst, die es zu beherrschen gilt. „Ansonsten kannst eh nix machen“, ist sich der Stadtbauer sicher. Vom gesunden Optimismus den Martin ausstrahlt mal abgesehen. Weil den braucht es schon denke ich mir. Und den Überblick über alles zu behalten ist eine weitere Stärke, wie mir scheint, denn wie immer bin ich von den Dimensionen überwältigt, als wir unsere Rundfahrt beendet haben. Auch wenn mir Martin heute wieder versichert, dass er ja „zu den Kleinen“ zählt. Ich freue mich jedenfalls schon auf einen weiteren Besuch im Herbst, ich hoffe, ihr auch. Am besten ihr besucht Martin einfach mal am Lendplatz und deckt euch mit regionalen und saisonalen Gemüsespezialitäten ein!

Hier gibt’s des Stadtbauers Feine Ware

Bauernmarkt Lendplatz

Freitag und Samstag

von Mai bis Dezember
zumeist auch Mittwoch