Der Stadtbauer

Saisonale Gemüsespezialitäten aus dem Süden von Graz

Martin Kleindl vulgo „Stadtbauer“ ist der Gemüseproduzent unseres Vertrauens. Wir kennen uns nun schon einige Jahre und wir kaufen unser Gemüse fast ausschließlich bei ihm, denn sein vielfältiges Angebot hat uns schon immer fasziniert. Martin hat nicht nur Gemüseklassiker im Programm, sondern auch viele Raritäten. Zum Beispiel Tropea-Zwiebel, Süßkartoffel oder Kipflerbohnen, um nur einige zu nennen.

An diesem wunderschönen Spätsommertag Mitte September besuche ich den Stadtbauern Martin Kleindl mal nicht am Lendplatz, sondern zuhause auf seinem Hof in Liebenau. Hier bewirtschaften viele Landwirte hunderte Äcker und Felder nebeneinander, das Grazer Becken zählt schließlich zu den größten Gemüseanbauregionen Österreichs.

Und „Stadtbauer“ nennt sich Martin nicht einfach so. Schon im Jahre 1849 wurden die Vorfahren von Martin in einem Schirmbrief der Herrschaft Messendorf bereits als „Stadtbauer“ offiziell tituliert und dieser Vulgoname ist der Familie bis heute geblieben. Passt ja auch perfekt, wie ich finde.

Sonst sehen wir uns meistens Freitag am Lendplatz, denn Freitag ist mein Markttag. Da fülle ich meinen Rucksack immer mit Gemüse für die kommende Woche bei ihm. Martin hat neben einer großen Auswahl an „Klassikern“ auch immer spezielle Gemüsesorten im Angebot. Seien es Spargel, Edamame, Kipflerbohnen, verschiedenfarbige Beete oder Schwarzwurzel, das Angebot ist immer groß und abwechslungsreich.
Wenn wir kein spezielles Menü geplant haben, komme ich zumeist ohne Einkaufszettel. Zwiebel, Kartoffel, Karotten und Salat kaufe ich eigentlich jede Woche und für alles andere lasse ich mich überraschen. Das bestimmt das Angebot, also Martin, und die Saisonen.

Aber warum eigentlich am Lendplatz? Das weiß Martin selbst nicht mehr so genau, jedenfalls stehen auch die Nachbarn von Martin dort und der Lendplatz war schon immer ein zentraler Umschlagplatz in Graz. In der Nachkriegszeit, als die Familie Kleindl begonnen hat den Lendplatz zu beschicken, funktionierte die Logistik noch ganz anders als heute. Die Bauern stellten ihre Waren in Kisten an der Straße bereit. Diese wurden dann von Frächtern aus der Umgebung auf den Lendplatz gebracht, während die Bauern selbst mit dem Bus in die Stadt fuhren. Einige fuhren auch mit den eigenen Pferdewagen in die Stadt. Dort wo heute das Mercure Hotel steht, war früher der Gasthof „Zum Weißen Rössl“, wo die Pferde während der Marktzeit eingestellt wurden. Heutzutage kommt Martin mit seinem Kleinlaster und bringt sein großes Angebot selbst zum Lendplatz.

Beim ersten Blick auf seine Äcker wirkt das alles riesig für mich, „aber eigentlich sind wir recht klein“, schmunzelt Martin. Gut, das ist sicher Ansichtssache, ich finde es trotzdem gewaltig. Mit seinem kleinen Golfcart fahren wir durch die Felder, vorbei an den letzten bunten Tomaten und Paprikas, an abgeernteten Gurkenfeldern und frisch gepflanzten Kohlsprossenpflanzen. Hier wird der Lauf der Saisonen noch sichtbarer, gerade jetzt im September, wo sich Sommer- und Wintergemüse die Hand geben. Neben den saftigen, großen Sommersalaten stehen bereits die Jungpflanzen der Wintersorten wie Endivie und Zuckerhut.

Mich fasziniert vor allem die Vielfalt. Martin experimentiert schließlich viel herum. Er kultiviert neue Sorten, verfeinert bereits Etabliertes und verwirft auch wieder Ideen. „Man muss einfach flexibel bleiben. Es macht viel Spaß neue Sorten zu erkunden, aber es muss genügend Zeit bleiben, damit auch alles andere funktioniert.“ Wichtig ist hierbei eine gute Dokumentation. Was habe ich wann gepflanzt? Hat es funktioniert? „Es bleibt ein ewiges Probieren, bin ich heuer zum Beispiel etwas zu spät dran, dann versuche ich es nächstes Jahr früher“, erklärt Martin.
Da spielt natürlich das Wetter eine große Rolle, doch das tat es schon immer. „In einem Jahr ist es sehr trocken, im anderen wiederum sehr nass, das kannst du nicht beeinflussen“, weiß Martin aus Erfahrung. Gerade deshalb ist es wichtig auf viele verschiedene Sorten und Arten zu setzen, damit man für alle Eventualitäten gerüstet ist.

Im Gegensatz zu vielen anderen Marktbeschicker:innen kauft Martin keine Jungpflanzen zu, sondern zieht alle Pflanzen selbst. Das ist zwar mehr Arbeit, bedeutet im Gegenzug aber auch mehr Flexibilität. Er kann mit seiner Presstopfmaschine jene Sorten produzieren, die er gerne möchte, und zwar wann er will und auch so viel er will. So kann er hintereinander mehrere kleine Tranchen setzen. Würde er die Jungpflanzen zukaufen, müsste er alle auf einmal nehmen, da solche kleinen Einheiten gar nicht geliefert würden.

Eines ist dennoch wichtig, es muss auch wirtschaftlich sein. „Der Röhrlsalat und die Kipflerbohnen sind da ein gutes Beispiel. Hier produzieren wir eine Menge, wo es sich wirklich auszahlt“, freut sich der Stadtbauer, der im Sommer an einem Samstag schon mal 5 Steigen Kipflerbohnen verkauft. Ich sehe schon, es geht wie immer ums Gleichgewicht.

Und so widmet sich Martin den verschiedensten Gemüsesorten, von der Süßkartoffel bis hin zu Edamame, den Sojabohnen, die noch leicht unreif geerntet werden. Hier und jetzt alles aufzuzählen, was es bei Martin über das Jahr alles gibt, würde den Rahmen sprengen. In den kommenden Monaten werde ich dem Stadtbauern aber sicher wieder mal einen Besuch abstatten und euch über einige Sorten im Detail informieren.

Mir ist in den letzten Monaten auch aufgefallen, dass man die allgemeine Teuerung bei Martin nicht so schlimm gespürt hat. Das liegt vor allem an Martins Preispolitik, er möchte seine Kund:innen schließlich nicht vergraulen und schaut drauf, dass seine Produkte dennoch leistbar bleiben. „Ich werd‘ erst teurer, wenn‘s unbedingt sein muss. Wir versuchen natürlich ständig produktiver zu werden, damit es rentabel bleibt“, erklärt er mir, „und der Lendplatz war immer schon billiger als etwa der Kaiser-Josef-Markt.“ Eine Erfahrung, die ich über die letzten Jahre auch gemacht habe.

Und der Klimawandel? Der wird sicherlich noch ein größeres Problem, Martin sieht es allerdings auch als Chance, Dinge jetzt schon zu überdenken und sich anzupassen. „Ich spüre am stärksten, dass sich die Saisonen verlagern. Der Mai war die letzten Jahre immer recht feucht und kalt. Dafür geht alles länger in den Herbst hinein, der September ist jetzt wie früher der August.“ Dann gibt es beispielsweise die Zucchini erst etwas später, dafür aber auch länger.
Für die Kartoffeln kann der spätere Sommer aber zum Problem werden, da diese niedrigere Temperaturen benötigen um in die Keimruhe zu kommen, das heißt das die Knollen dann vegetativ ruhen und nicht keimen, sich also lagern lassen ohne auszutreiben. Deshalb mussten sie diesen Herbst ins Kühlhaus, das übrigens mittelfristig in den Sommermonaten durch eine Photovoltaikanlage mit Strom versorgt werden soll. „Man muss ständig adaptieren und flexibel bleiben“, ist sich der Stadtbauer sicher.

Neben der Teuerung und dem Klimawandel macht Martin derzeit auch der Neubau am Nebengrundstück ein wenig Sorgen. 22 Wohneinheiten werden dort gerade gebaut, alles Mietwohnungen.
Er hofft, dass er weiterhin so arbeiten kann, wie er es immer getan hat. Das heißt, dass um fünf Uhr früh der Laster beladen und ab halb sechs mit den Traktoren gefahren wird. „Das ist an sich ortsüblich, da brauchen wir gar nicht diskutieren, aber ich hoffe trotzdem, dass es keinen Ärger mit den neuen Mieter:innen gibt.“ Dass hoffe ich natürlich auch für ihn und frage mich, warum man direkt neben einem landwirtschaftlichen Betrieb Wohnungen baut.

Zu guter Letzt darf ich auch noch die Flotte der Massey Ferguson Traktoren bestaunen. Es sind alles ältere und vor allem kleinere Traktoren, perfekt geeignet für die Felder und Einheiten, wie sie die Familie Kleindl bewirtschaftet. Heutzutage werden nur noch wenige solcher kleinen Traktoren gebaut, da auch in der Landwirtschaft alles größer wird und der Markt sich an den ganz Großen orientiert. Für Martin sind diese Traktoren genau richtig, denn „man bekommt auch noch für alles Ersatzteile, wie zum Beispiel originale Dichtungen aus Kork statt Gummi, und man kann alles selbst reparieren“, freut er sich. Insgesamt hat er acht Traktoren, was den Vorteil hat, dass er für jedes Einsatzgebiet einen bestimmten Traktor verwenden kann und nicht immer die Anhängegeräte umhängen muss.

Zum Abschluss meines Besuchs, darf ich mir noch zwei Kilo Tomaten selbst pflücken. Für eine leckere Schüssel Tomatensalat. Danach verabschiede ich mich, Martin hat schließlich noch genug auf dem Programm heute. Aber ich werde wieder kommen und euch noch vieles erzählen, über den Stadtbauern und sein vielfältiges Gemüseangebot.

Hier gibt’s des Stadtbauers Feine Ware

Bauernmarkt Lendplatz

Freitag und Samstag

von Mai bis Dezember
zumeist auch Mittwoch